Mein Mann erzählte gerne von unserer ersten Begegnung:
"An jenem Morgen gegen 7.15 Uhr lag ich im Bett und hörte die Nachrichten im Radio, als eine 18-jährige Krankenhaushelferin hereinkam. Nach der Begrüssung griff sie zum Radio, um es auszuschalten. Ich schrie auf: Man fasst nichts an, wenn man es nicht kennt! Unsere Blicke trafen sich, und es traf uns wie ein Blitz. In diesem Moment begann unsere grosse Liebesgeschichte."
Von diesem Tag an blieben wir zusammen, trotz 19 Jahren Altersunterschied und seiner Behinderung. 1984 heirateten wir und bekamen eine Tochter. Wir lebten gemeinsam: einkaufen, ins Kino oder Restaurant gehen, verreisen. Ein normales Leben – oder fast. Nur die Blicke der anderen erinnerten ihn daran, dass er Tetraplegiker war.
Für uns war er ein liebevoller Ehemann und Vater wie jeder andere – wenn nicht sogar mehr. Der einzige Unterschied: Wir halfen ihm bei allem – beim Aufstehen, bei der Körperpflege, beim Essen, beim Anziehen. Wir brachten ihn zu den Ärzten. Jeden Tag kämpften wir mit ihm gegen einen Körper, der immer schwächer wurde. Bei den vielen Krankenhausaufenthalten blieben wir an seiner Seite – in Momenten des Zweifels und der Angst, des Leidens und manchmal der Verzweiflung. Wir waren eine unzertrennliche Familie.
Dann verschlechterte sich sein Zustand dramatisch, obwohl ihn acht Jahre lang Haushaltshilfen unterstützt hatten. Im letzten Jahr konnte sein erschöpfter Körper nicht mehr kämpfen. Die Krankenhauswelt – oft kalt, nicht immer beruhigend, manchmal gleichgültig – war ihm zu viel geworden. Er spürte, dass ihm das Leben entglitt. Seinen letzten Wunsch äusserte er klar: zu Hause sterben, im Kreis seiner Familie.
Doch die Situation wurde überwältigend. In unserem Umfeld fanden wir kaum noch Hilfe – selbst in der eigenen Familie nicht. Wir versuchten alles, telefonierten unzählige Male, suchten verzweifelt nach Menschen, die uns in dieser Zeit beistehen würden. Vergeblich. Der letzte Wunsch meines Mannes trieb uns an – doch wir fanden keine Lösung.
Trotz aller Anstrengungen scheiterten wir. Wir standen allein da. Er musste ins Krankenhaus, wo er am 3. November 2014 starb.
Bis heute beschäftigt uns diese Ohnmacht. Wir konnten nicht wählen, wie wir Abschied nehmen. Seither denken wir oft an all die betreuenden Angehörigen, die einen Menschen in Not pflegen und allein sind – die nicht wissen, wohin sie sich wenden können, oder sich nicht trauen zu fragen.
Diese Erfahrung hat uns gelehrt: Wir sind alle Menschen, und wir alle brauchen irgendwann Hilfe. Deshalb ist dieser Verein so wichtig. Damit wir etwas verändern können. Denn nichts gibt mehr Kraft, als sich im eigenen Kampf unterstützt und gehört zu fühlen.
Antoinette Bottinelli